Diakonin Verena Kipp weiß, dass im Frühling noch viel mehr steckt, als die Natur zum Leben zu erwecken. Sie ist überzeugt: In ihm ist Leben und Tod, Trauer und Hoffnung, Anfang und Ende. Es ist die Zeit der Schöpfung.

Darf ich mich vorstellen? Ich bin der Frühling. Am 20. März, dem internationalen Tag des Glücks, ist mein kalendarischer Geburtstag. Doch daran halte ich mich nicht immer. Schon vor ein paar Wochen habe ich angefangen, den Winter zu vertreiben. Vielleicht habt ihr das ja gemerkt. Ihr konntet mich sehen, denn der Himmel war blau. Ihr konntet mich spüren, denn die Sonne schickte ihre ersten warmen Strahlen auf die Erde. Ihr konntet mich hören, denn die vielen Zugvögel am Himmel verkünden laut, dass ich da bin. Und ihr könnt mich sehen, denn die ersten Knospen sprießen aus den scheinbar toten Ästen.

Die erste Arbeit ist also getan. Heute, da bin ich ganz entspannt. Ich bin ausgeglichen. Nacht und Tag kämpfen heute nicht. Sie dürfen gleich lang ihren Dienst tun. Die Sonne, sie steht genau über dem Äquator. Sie wärmt uns, quält uns aber noch nicht mit ihrer Hitze. Ja, ich besonders. Mich lieben viele Menschen. Doch ich bin nicht nur so wunderbar, weil ich die Natur zum Leben erwecke. Wie eine Neuschöpfung! Nein. In mir steckt noch viel mehr. In mir ist Leben und Tod. In mir ist Trauer und Hoffnung. In mir ist Anfang und Ende.

Man sagt, dass der Allmächtige Gott genau zu dieser Zeit die Welt erschaffen hat. Ich, der Frühling, bin also die Zeit der Schöpfung. Am 25. März, da soll er das Licht erschaffen haben. Das Licht, von dem alles Licht der Welt abstammt. Das die Dunkelheit vertrieben hat. Doch es ging unserem Schöpfer nicht nur um die Dunkelheit der Nacht. Nein! Er will auch die Dunkelheit vertreiben, von der alles Dunkel abstammt. Ich spreche von der Dunkelheit, die oft in den Herzen der Menschen zu finden. Die Trauer, die Verzweiflung.

Doch auch das reicht ihm nicht. Er möchte bei uns sein. Mit uns in Gemeinschaft leben, so wie er es einst im Paradies getan hat und wie er es wieder tun wird, wenn das Erste vergangen ist. Dafür traf er eine Entscheidung. Und die traf er im Frühling. Im Mutterleib der Maria erwachte er im Frühling zum Leben. Ja, in der Zeit, in der das Licht einst erschaffen wurde, wurde Jesus Christus gezeugt.

Neun Monate später – in der Heiligen Nacht – in der Nacht, in der die langen Tage der Dunkelheit endlich wieder länger werden, da erblickte der Heiland, der Messias das Licht der Welt. Wie schön, nicht wahr. In der Zeit des Lichtes gezeugt – und vertreibt mit der Geburt die Dunkelheit der Nacht. Doch in mir ist nicht nur Licht. In mir ist auch die Zeit des Leidens. Die Zeit des Leidens von Jesus Christus. In derselben Zeit, als er gezeugt wurde, starb er für unsere Sünden am Kreuz den Tod. Drei Tage Hoffnungslosigkeit. Drei Tage Trauer. Drei Tage Verzweiflung. Doch am dritten Tage wurde er vom Reich der Toten auferweckt. Dies wird gefeiert am Ostersonntag und bezeugt mit einem kräftigen: „Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden, Halleluja!“

Dies alles passiert in mir. Im Frühling. Ich bin eine besondere Zeit. Ich bin die Zeit der Balance – ich bin die Zeit des Neubeginns – ich bin die Zeit, in der das Licht erschaffen wurde – ich bin die Zeit, in der der Allmächtige entschied, auf die Erde zu kommen, mitten unter uns zu leben – ich bin die Zeit, in der Christus für unsere Sünden gestorben ist. An diesem Tag, dem dunkelsten Tag der Welt, machte Gott den Weg für alle Menschen frei. Den Weg durch Jesus Christus zu ihm zu kommen. Ihn einziehen zu lassen in das menschliche Herz. Denn tun wir das, lassen wir ihn in uns wohnen und groß werden, dann hilft er uns dabei, unsere innere Balance wieder zu finden, zu einem Licht zu werden, das ein Stück dazu beiträgt, das Reich Gottes auf dieser Welt zu errichten.

Denn so spricht der Prophet Jesaja: „Mache dich auf, und werde Licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (Jes 60,1-2)

Diakonin Verena Kipp

Quelle: epaper.rp-online.de